Gans Gesa will nach Afrika (Bauernhofgeschichte)

Der Bauer Hans kümmerte sich auf seinem Bauernhof um viele Tiere. Er molk die Kühe, brachte seine Schafe auf die Weide und füllte den Futtertrog der Schweine. Immer wenn die Sonne schon fast vom Himmel verschwand, ging er zum Hof hinter der Scheune. Wenn er dort eine Hand voll seiner besten Gerstenkörner verstreute, konnte man aus allen Ecken das aufgeregte Geschnatter seiner Hausgänse hören. Blitzschnell watschelten sie auf Bauer Hans zu. Doch eine Gans kam immer zuletzt zum Scheunentor. Das war die alte Gesa. Genau wie Hans, lebte sie schon sehr lange auf dem Hof. Ihr hat es dort auch immer gut gefallen.

Doch die vielen Jahre, die die alte Gans auf ihrem Gänseteich gerudert war, hatten Spuren hinterlassen. Ihre Füße wollten sie nicht mehr so recht tragen. Und so kam sie immer zuletzt zum Abendbrot ans Scheunentor. Die anderen Gänse hatten längst die besten Körner herausgepickt.

So geschah es auch an diesem Nachmittag, als Gesa das Stapfen der Stiefel von Bauer Hans hörte. So schnell sie konnte, watschelte die alte Gans los, doch auch an diesem Tag waren die größten Körner längst weg. Verärgert watschlte Gesa davon. „Die jungen Gänse sind ganz schön verfressen! Und der Bauer Hans könnte wirklich auch mehr Gerstenkörner rausrücken.“, meckerte sie. „So ein Gänseleben ist nicht leicht. Auf diesem kleinen Teich ist es auch nicht so gemütlich. So viele Jahre schwimme ich schon auf dem Gänseteich meine Runden, ich kenne ihn ja schon auswendig! Und jetzt wo die Sonne schwächer wird und der Herbst kommt, wird das Wasser ganz schön kalt an meinen Schwimmhäuten.“

Ein unerwarteter Besucher

Auf einmal kam ein komischer Vogel auf sie zu. Es war ein Gänserich, der ein seltsam braunes Federkleid trug. Er schnatterte: „Da hast du recht! Ich bin Gunter und da wo ich hingehe ist es viel schöner. Die Sonne ist warm, die Seen sind groß und dort gibt es Felder mit den leckersten Kräutern und Körnern. Da gibt es für alle genug.“

Da wurde die alte Gesa neugierig. Einen solchen Ort konnte sie sich nicht vorstellen. Sie fragte nach: „Wo ist denn dieser Ort? Nimmt der Bauer dort noch Gänse auf?“ Der Gänserich lachte: „Du bist ja eine alberne Gans! Ich fliege mit meiner Familie nach Afrika in den Winterurlaub. Platz ist dort reichlich! Morgen brechen wir auf. Komm doch einfach mit, wir nehmen dich in unsere Mitte!“

Mit den Wildgänsen nach Afrika

Am nächsten Morgen schaute die alte Hofgans Gesa konzentriert in den Himmel. Plötzlich hörte sie ein mächtiges Geschnatter in der Luft. Eine riesengroße Gänsegruppe zog über ihr vorbei und ganz vorne mit dabei war Gunter, der Gänserich. Gesa zögerte nicht, denn auf ein tolles Abenteuer hatte sie schon lange gewartet.

Sie holte Anlauf, watschelte so schnell sie konnte und mit einem kräftigen Flügelschlag hob sie ab. Der kalte Wind peitschte an ihrem Schnabel vorbei und der Flug nach oben war ganz schön holprig. Gesa flatterte so schnell sie konnte und schloss sich der Gruppe an. Das war nicht einfach, denn die Wildgänse hatten mächtige Flügel. Schon als sie an siebzehn Bergen, acht Seen und zwölf Städten vorbeigezogen waren, war Gesa außer Puste. Sie schaute nach oben. Die Sonne war aufgegangen und schaute sehr vertraut aus. Ihre Freunde auf dem Bauernhof hielten wohl gerade ihren gemütlichen Mittagsschlaf unter der Stiege. Und sie musste in ihren alten Jahren so heftig mit den Flügeln schlagen.

Ganz schön erleichtert musste Gesa gewesen sein, als die Leitgans ihren Kopf herumdrehte und rief: „Mittagspause!“ Die schnatternde Meute landete auf einem riesigen Stoppelfeld. „Esst euch satt, gleich überqueren wir die Alpen.“, rief die mächtige Gans. Müde stapfte Gesa auf und ab, auf der Suche nach leckeren Gerstenkörnern. Doch auf dem Feld konnte sie nicht viel finden. Längst hatten die Bauern es abgeerntet. Hungrig, wie sie war, gab sie sich mit ein paar trockenen Gräsern zufrieden. Da musst sie an den Bauernhof denken. Die Gänse zu Hause machten sich sicher gerade über die leckeren Körner von Bauer Hans her.

Doch schon ging die Reise der Wildgänse weiter in die Alpen. „Ganz schön anstrengend, und so bitterkalt hier oben!“, rief die alte Gesa. Lange noch musste sie mit den anderen Gänsen mithalten. Immer wieder hielt die Gruppe an, pickte ein paar trockene Gräser auf und flog weiter Richtung Afrika.

Plötzlich schaute Gesa nach unten. Verblüfft rief sie: „Da ist ja ein riesengroßer See! Wo ist denn das Land hin?“ „Das ist doch das Mittelmeer!“, rief Gunter. Vom Mittelmeer hatte Gesa noch nie gehört. Sie kannte nur den Gänseteich von zu Hause. Dort badeten sicher gerade die Gänse von Bauer Hans in der Sonne.

Endlich angekommen

Doch Gesa wurde aus ihren Träumen gerissen. „Land in Sicht!“, schnatterten die Wildgänse aufgeregt. Sie hatten Afrika erreicht! Nach einer Weile landeten sie in einer Steppe. Das ist eine trockene Landschaft, wo nur wenige Sträucher und Bäume stehen. „Ganz schön heiß ist es hier. Wo ist denn hier der Gänseteich? Ich möchte mich etwas erfrischen.“, sagte Gesa erschöpft. Ein kleines Gänseküken kicherte: „Einen Gänseteich? Sowas gibt es hier doch nicht. Du hast Glück, wenn du eine Pfütze zum Trinken findest!“ Gesa war enttäuscht. Denn ihr schöner Bauernhof war so weit entfernt.

Während die anderen Gänse eifrig die Gräser aus dem trockenen Boden pickten, stapfte die traurige Gesa davon. So hatte sie sich Afrika nicht vorgestellt.

Ein großer, seltsamer Blechvogel

Hinter den Bäumen entdeckte sie plötzlich einen riesengroßen Vogel aus Blech. Der Stand vor einem kleinen Haus. Vielleicht war dort ja ein Bauer drin, der ihr ein paar leckere Körner geben könnte. Doch der Mann sah ganz und gar nicht aus wie ein Bauer. Er trug eine Mütze und eine lustige Fliegerbrille. „Auf geht es nach Deutschland“, rief der Mann. „Mal sehen ob mein Flugzeug noch anspringt!“.

Da sprang Gesa auf. „Flog der Mann mit der Mütze wohl mit diesem Blechvogel in ihre Heimat?“ Da musste sie nicht zweimal nachdenken. Die Füße der alten Gans watschelten so schnell wie schon lange nicht mehr. Mit einem Satz hüpfte sie in das Flugzeug und versteckte sich unter dem Sitz. Der Pilot sprang hinters Steuer und drehte seinen Schlüssel um. Es ratterte laut und schon hob der Riesenvogel ab.

Gesa lauschte noch eine Weile, wie die Flugzeugturbinen sich gleichmäßig im Wind drehten und schlief langsam ein. Plötzlich rumpelte es und Gesa schreckte auf und schaute aus dem Fenster. „Hier kenn ich mich aus! Von hier sind es nur ein paar Luftlinien bis nach Haus!“

Sie sprang aus dem Flieger und flatterte zurück zum Bauernhof. Bei ihrem Landeanflug konnte sie gerade beobachten, wie der Bauer Hans die Gerste zum Scheunentor trug. Sie landete vor seinen Füßen und pickte hungrig die dicksten Gerstenkörner auf.

Endlich wieder zu Hause auf dem Bauernhof

„Gesa! Da bist du ja, du alte Gans. Wo hast du denn gesteckt?“, freute sich Bauer Hans und gab ihr noch mehr von dem leckeren Körnerfutter. Und auch die anderen Gänse watschelten aufgeregt zu Gesa.

Und die fing an zu schnattern: „Ihr glaubt ja nicht, was ich alles erlebt habe! Durch das ganze Land bin ich geflattert, über Wiesen und Felder, ja sogar über die Alpen habe ich es geschafft. Unter der heißen Sonne bin ich über das große Mittelmeer geflogen und im wilden Afrika gelandet!“ Gespannt lauschten die Gänse den aufregenden Geschichten von Gesa. Denn diese hatte viel erlebt. Jeden Abend versammelten sie sich in der Scheune, wo die alte Gans stolz von ihren Abenteuern schnatterte. Dabei hatte sie immer Neues zu berichten. Aber eines sagte sie am Ende jeder Geschichte: „Hört ihr Küken, ich alte Gans flog in die ganze Welt hinaus, doch am schönsten ist es immer noch zu Haus!“

 


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